Eine Welt ohne Bindungstrauma... / Teil 1

Ich folge einfach meinem Impuls und starte hiermit diese Blog-Serie. Ich habe keine Ahnung, wie viele Teile und welche Themen es geben wird. Es will raus und darf einfach fließen. :-)
Alles im Leben ist Beziehung: zu anderen Menschen, zu Dingen, zur Gesundheit, zu Fehlern, zur Arbeit, zum Geld, zum Körper, zu sich selbst, zum Leben an sich... Ist diese Beziehungsfähigkeit vom Bindungstrauma geprägt, wirkt sich das auf alle Lebensbereiche aus. Diese Zusammenhänge, die ich in meinem Leben wahrnehme, will ich mit dieser Blogserie beleuchten und so bei mir selbst und vielleicht auch bei dir mehr Klarheit entstehen lassen.

… ist eine Welt ohne Schuld
Kennst du dieses Gefühl, irgendwie immer schuld zu sein? Auch wenn du gar nicht genau sagen kannst, woran eigentlich?
Der rote Faden, den ich entdeckt habe
Wir leben gerade noch in einer Gesellschaft, die stark auf Traumafolgen aufbaut. Bildungs- und Krankensystem, Kindererziehung, Politik, Arbeitswelt – vieles davon basiert auf Leistung, Kontrolle und Bestrafung. Und dahinter, das nehme ich zumindest so wahr, steckt oft ein Thema: Schuld. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch viele Lebensbereiche.
Aber woher kommt Schuld eigentlich? Nichts ist ohne Grund da – sie muss also irgendeinen Nutzen haben. In der Natur gibt es sie nämlich nicht. Sie ist etwas Mensch-gemachtes.
Wie Schuld entsteht
Schuld scheint eine Folge von Bindungstrauma zu sein – ein Überlebensmechanismus. Bindung ist ein Grundbedürfnis, genau wie Luft, Nahrung, Schlaf. Ein Kind spürt intuitiv: Ohne Bindung zu anderen Menschen überlebe ich nicht. Wenn Kinder in unserer Leistungsgesellschaft aber nicht genug Bindung bekommen, sondern stattdessen vor allem Erziehungsmaßnahmen, Erwartungen und Anforderungen – dann versetzt das ihr System in Alarmbereitschaft. In den Überlebensmodus.
Und genau hier kommt die Schuld ins Spiel. Um aus diesem Überlebensmodus herauszukommen, nimmt das Kind unbewusst die Schuld auf sich. So ist es der Situation nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern wird handlungsfähig. Ein Glaubenssatz entsteht: "Ich bin schuld. Ich bin das Problem. Ich muss mich anstrengen." Die Schuld verzerrt die Wahrheit – damit wir überleben können, in einer Zeit, in der wir vom Umfeld abhängig sind. Ein cleverer Trick der Evolution.
Nur: Als Erwachsene sind wir nicht mehr auf andere angewiesen. Wir können selbst für unser Überleben sorgen. Warum bleibt die Schuld trotzdem?
Zwei Identitäten in uns
Vielleicht, weil das Bindungstrauma noch da ist – und mit ihm ein Anteil in uns, der in seiner Entwicklung im Kindesalter stehengeblieben ist. So, als würden zwei Identitäten nebeneinander existieren. Das beobachte ich bei mir selbst und auch bei anderen: eine Erwachsenen-Identität, die dem biologischen Alter entspricht. Und eine Kind-Identität, die immer dann übernimmt, wenn Unsicherheit oder Überforderung da sind – um uns zu schützen.
Ganz vereinfacht:
Die Kind-Identität denkt: Das Leben passiert einfach. Ich verlasse mich auf Autoritäten im Außen, suche dort Halt und Richtung. Ich passe mich an, um klarzukommen.
Die Erwachsenen-Identität denkt: Ich bin die Autorität in meinem eigenen Leben. Ich treffe Entscheidungen aus dem Inneren heraus, wachse durch meine Erfahrungen und passe mein Handeln an.
Wichtig ist mir dabei: Es geht hier nicht um richtig oder falsch. Beide Identitäten haben ihre Berechtigung. Es geht nur darum, die Zusammenhänge zu sehen.

Was das mit unseren Systemen zu tun hat
Unsere aktuellen Gesellschaftssysteme scheinen ziemlich stark aus dieser Kind-Identität heraus zu funktionieren: Wir suchen Autoritäten und Sicherheit im Außen – und damit auch Schuldige im Außen, weil niemand die Verantwortung übernehmen möchte. Die Schuld, die wir als Kinder auf uns genommen haben, projizieren wir später vielleicht auf andere: auf Politiker, Institutionen, Ärzt:innen, Chefs, Umstände. Und geben damit die Verantwortung für unser eigenes Leben ab.
Eine Welt ohne Bindungstrauma wäre demnach eine Welt ohne Schuld. Menschen, die mit sich selbst in Verbindung sind und sich ihrer Eigenverantwortung bewusst.
Wo ich glaube, dass Veränderung anfängt
Ich glaube nicht, dass wir dort hinkommen, indem wir die Systeme im Außen verändern – sie sind ja nicht die Ursache, sondern eher eine Folge. Veränderung entsteht vielleicht eher, wenn jede und jeder bei sich selbst anfängt und das eigene Trauma verarbeitet. Dann verliert Schuld ihren Nutzen, unsere Wahrnehmung verändert sich – und nach und nach vielleicht auch die Systeme drumherum.
Wie würden sich unsere Beziehungen verändern, wenn jede:r sich der eigenen Verantwortung bewusst wäre? Würden wir dann noch Versicherungen brauchen? Politiker:innen, wenn wir keine Autoritäten mehr im Außen suchen? Rechts-, Bildungs- und Krankensysteme würden in dieser Form wahrscheinlich nicht bestehen bleiben. Und die Arbeitswelt verändert sich ja jetzt schon massiv.
Ich bin wirklich gespannt, wohin diese Reise geht.
Fortsetzung folgt…
